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Italien war für Deutsche
immer schon ein Land, das von Mythen und Träumen, aber auch von Stereotypen
geprägt ist. Bücher sind Exponenten des Landes, in dessen Sprache
sie geschrieben werden. Selten begegnen wir Büchern, die auch thematisch
den Bezug zum eigenen Land völlig vermeiden. In den 50er Jahren entwickelte
sich aus der Vergleichenden Literaturwissenschaft heraus ein eigenständiger
wissenschaftlicher Zweig (Imagologie/Stereotypenforschung), der das in
der Literatur vermittelte Bild eines fremden Landes erforscht.
So finden sich in der deutschen Literatur
neben literarischen Texten, die sich mit dem Mythos Amerika oder dem Nachbarland
Frankreich beschäftigen, zahlreiche Texte zum Land Italien und zur
italienischen Kultur. Die literarische Beschäftigung mit Italien kann
in Deutschland auf eine lange Tradition zurückblicken. ‚Italien’ ist
in den deutschen Texten ein Konglomerat verschiedenartigster Sichtweisen.
Zur Zeit der klassischen Reisekultur im 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts
(z.B. bei Winckelmann, Goethe, Seume, Humboldt und Moritz) finden sich
in den Texten bereits mehr Abhandlungen zu ästhetischen Aspekten
der Antike als zur römischen Literaturtradition, und Italien ist als
Land zum Ideal von Freiheit, Leichtigkeit und Sinnlichkeit in Opposition
zu Deutschland stilisiert.
Mehr als zweihundert Jahre später,
in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, findet man die Destruktion
des klassischen Italienbilds in den Werken Wolfgang Koeppens und Rolf Dieter
Brinkmanns. Das Italienbild in der deutschen Literatur ist beliebter Forschungsgegenstand,
und die Fremdwahrnehmung des anderen Landes als Ausgangspunkt für
eine Reflexion über die eigene Heimat wird häufig untersucht.
Während es sich dabei um die Texte
deutscher Autoren handelt, geht es in der vorliegenden Arbeit um italienische
Texte und Autoren und ihre Präsentation und Rezeption beim deutschen
Lesepublikum. Die Grundüberlegung ist folglich eine andere: Aus dem
Italienischen ins Deutsche übersetzte Bücher konstruieren, vielleicht
sogar mehr als es deutsche Texte über Italien tun, ein bestimmtes
Italienbild beim Leser. Am Beispiel italienischer Kriminalromane wird exemplarisch
die Rolle fremdsprachiger Literatur bzw. ihrer Übersetzungen untersucht.
Die Ausgangsfrage ist hierbei: WELCHE ROLLE SPIELT DIE ITALIENISCHE LITERATUR
IN DEUTSCHLAND?
Die Bücher sind demnach nicht nur
als literarische Texte, sondern auch bis zu einem gewissen Punkt als Ware
zu sehen, die sowohl durch Inhalt als auch durch ihre äußerliche
Aufmachung den Leser zum Verkauf anregen sollen. Bei den hier untersuchten
italienischen Kriminalromanen handelt es sich zudem um ein Übersetzungsprodukt:
Nach Genette sind Übersetzungen durch ihren Bezug zum Originaltext
eine Form der Intertextualität. Der Prozess der Übertragung eines
literarischen Textes in eine andere Sprache unterliegt dabei immer der
Gefahr eines Bedeutungsverlustes durch die Systemdifferenz der beiden Sprachen.
Ihre Kompensation macht die Übersetzung selbst produktiv und lässt
so eine hermeneutische Betrachtungsweise zu: Produktion und Rezeption eines
Textes bedingen sich gegenseitig und weisen reziproke Verbindungslinien
auf. Die Betrachtung italienischer Literatur kann darauf aufbauend nur
unter Einbeziehung der Relationen zwischen Autor, Verlag und Leser und
in Bezug zur Stellung italienischer Bücher auf dem deutschen Literaturmarkt
gesehen werden. Daher wird die Beschäftigung mit literarischen Texten
in einen größeren Zusammenhang gestellt: In besonderer Weise
wird demzufolge Literatur in Verbindung zum Buchmarkt berücksichtigt,
die Arbeit beschreibt folglich ein LITERATURSYSTEM.
Als ‚Buchmarkt’ wird die Gesamtheit der
verfügbaren Bücher definiert, die durch den Buchhandel dem Leser
zugänglich sind. Der Begriff ‚Literaturmarkt’ unterstreicht
die in dieser Arbeit vorgenommene Eingrenzung auf belletristische Werke.
Davon abgegrenzt wird mit dem Ausdruck ‚Literatursystem’ die Gesamtheit
aller Positionen bezeichnet, die mit dem Produkt Buch verbunden sind, d.
h. alle Stellen vom Autor bis zum Leser. Zur graphischen Verdeutlichung
arbeitet diese Untersuchung mit einem Strukturmodell (s. S. 8): Das Modell
ist Abbildung dieses Netzwerkes ‚Literatursystem’ und stellt eine deskriptive
Übersicht aktionsbezogener Handlungen dar, die von der Produktion
eines Textes bis hin zu seiner Rezeption unter Einbeziehung aller Instanzen
durchlaufen werden. Der Schwerpunkt liegt auf der Veranschaulichung der
Beziehungen zwischen Literaturproduktion, Literaturmarkt und Literaturrezeption.
Die Arbeit verfolgt dabei bewusst einen kulturwissenschaftlichen und interdisziplinären
Ansatz; literaturtheoretische und (literatur-)soziologische Gesichtspunkte
werden berücksichtigt, sofern sie der Erläuterung des Literatursystems
dienen.
Im ersten Kapitel
werden das Literatursystem und seine einzelnen Positionen (Autor-Verlag-Lesepublikum)
anhand des Modells vorgestellt: Das Schema fügt den horizontalen Ebenen
der Produktionsebene/Autor-Manuskript und der Rezeptionsebene/Buch-Lesepublikum
eine mediale Ebene hinzu, die größtenteils durch die Instanz
der Verlage und die Übersetzungen eingenommen wird.
Daran anknüpfend zeigt im
zweiten Kapitel ein kurzer Überblick über die italienische
Literatur in Deutschland ab dem Zweiten Weltkrieg sowohl die Quantität
der Übersetzungen ins Deutsche als auch die Tendenzen der in Deutschland
präsentierten italienischen Gegenwartsliteratur. Die Darstellung des
Literatursystems verweist deutlich auf die Rolle des Lesers, dessen Perspektive
im Mittelpunkt der folgenden Kapitel steht. Die Beschreibung der Präsenz
italienischer Literatur auf dem deutschen Literaturmarkt lässt sich
am besten an einer Gruppe von Texten aufweisen, die großen Lesererfolg
verzeichnen. Nicht nur für die italienische Literatur sind dies die
Kriminalromane. Der Leser ist sich beim Kauf von Kriminalromanen der Gattungszugehörigkeit
des Textes bewusst und baut einen spezifischen Erwartungshorizont auf.
Das dritte Kapitel
geht daher auf Entwicklungslinien der Gattung unter besonderer Berücksichtigung
ihrer italienischen Vertreter ein. Die Fülle von italienischen Kriminalromanen
macht eine Beschränkung notwendig: Für die Darstellung wird nur
auf Kriminalromane der letzten zwei Jahrzehnte eingegangen, die auch ins
Deutsche übersetzt worden sind. Ein weiterer Schwerpunkt liegt darüber
hinaus auf Kriminalroman-Reihen, die traditionell eine Leserbindung fördern.
Im vierten Kapitel
werden die ausgewählten Kriminalreihen von Andrea Camilleri, Nino
Filastò und Sandro Piazzese vorgestellt. Orientiert an der Perspektive
des Lesers werden zuerst die äußeren Merkmale der Bücher
(Aufmachung, Titelübersetzung) betrachtet. Der intertextuelle Ansatz
verdeutlicht hierbei, dass auch die Leser die Bücher in Bezug auf
Vorwissen und bereits gemachte Leseerfahrungen beurteilen.
Das fünfte
Kapitel stellt im Rahmen einer literaturwissenschaftlichen Untersuchung
einzelne Aspekte (Figurenkonstellationen, Schauplätze) der Kriminalromane
dar. Ein Augenmerk liegt dabei vor allem auf den Motiven und Sprachmustern,
die in Beziehung zu einer Darstellung des Landes Italien und italienischer
Kultur stehen. In einem Exkurs wird auf die besonders in Deutschland sehr
erfolgreichen anglo-amerikanischen Schriftsteller Donna Leon, Magdalena
Nabb und Michael Dibdin verwiesen, deren Kriminalromane ebenfalls in Italien
spielen.
Im Schlusskapitel
kann auf Basis der vorausgegangenen Ausführungen zu den Schlüsselpunkten
des Modells die Funktion der einzelnen Positionen zusammenfassend erläutert
werden. Besonders die starken intertextuellen Markierungen und landeskundlichen
Aspekte in den untersuchten Kriminalromanen lassen die Frage zu, inwieweit
das vorgestellte Modell um eine weitere, noch explizitere Verbindungslinie
zwischen Leser und Autor ergänzt werden muss. Um den Rahmen und die
Möglichkeiten dieser Arbeit nicht zu sprengen, ist das hier vorgestellte
Modell des Literatursystems bewusst allgemein gehalten: Durch die exemplarische
Untersuchung italienischer Literatur auf dem deutschen Literaturmarkt anhand
einzelner Texte wird eine von (möglichen) praktischen Anwendungen
gezeigt. Aus Gründen der einfacheren Lesbarkeit des Textes werden
in der gesamten Arbeit die männlichen Bezeichnungen, so z.B. Autor,
Leser etc. benutzt, die jedoch selbstverständlich stets die weiblichen
Bezeichnungen implizieren. |